Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic.
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Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic.

«Die Teilnahme in Baku kann für einige der Schweizer Topathleten sehr interessant sein»

Vom 12. bis am 28. Juni 2015 finden in Baku (Aserbaidschan) die ersten Europaspiele statt. Ralph Stöckli, der die Delegation von Swiss Olympic als Chef de Mission anführen wird, äussert sich über die Bedeutung des Grossanlasses mit über 20 Sportarten, die Zahl der Schweizer Teilnehmer und über die Verhältnisse in der Gastgeberstadt.

Noch weiss die Öffentlichkeit wenig über die ersten Europaspiele. Was darf man von Baku 2015 erwarten?
Ralph Stöckli (schmunzelt): Auch für uns selber sind noch einige Fragen offen. Weil es die erste Austragung ist, können wir auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Fest steht: Die Europaspiele werden einen spannenden Mix bieten aus olympischen Sportarten wie Turnen und Leichtathletik und nicht-olympischen, zum Beispiel Beachsoccer oder Karate. Wir von Swiss Olympic haben den Anspruch, eine sportlich hochstehende Delegation nach Baku zu schicken.

Welchen sportlichen Wert erhalten die Europaspiele im Sportkalender?
Das lässt sich noch nicht abschätzen. Der Anlass muss sich zuerst etablieren. Ein Ziel muss sein, dass die Europaspiele den teilnehmenden Athletinnen und Athleten einen Mehrwert bringen. Dazu muss die Qualität der Veranstaltung und der Wettkämpfe stimmen. Das wird hoffentlich der Fall sein!

Ist die Einführung der Europaspiele angesichts des engen Wettkampfkalenders der Olympischen Sportarten und nur ein Jahr vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro gerechtfertigt?
Der Anlass ist tatsächlich nicht so günstig gelegen. Auch aus unserer Sicht, denn parallel zu den Vorbereitungen auf Baku sind bei uns die gleichen Leute mit der Planung der Mission für Rio de Janeiro beschäftigt. Trotzdem hat die Einführung der Europaspiele ihre Berechtigung. Schliesslich existieren mit den Asien-, Afrika- und Pan-Amerikaspielen bereits andere Kontinentalevents.

Wie gross wird die Schweizer Delegation, die nach Baku reist?
Im Moment rechnen wir mit 100 bis 150 Athletinnen und Athleten aus der Schweiz, die an den Europaspielen teilnehmen werden. Zusammen mit den Trainern, Funktionären etc. wird die ganze Delegation wohl über 200 Personen umfassen.

Steht bereits fest, welche Sportlerinnen und Sportler in Baku dabei sind?
Noch haben nicht alle Verbände bestimmt, ob ihre Elite-Athleten in Baku teilnehmen werden. Möglicherweise geben sie eher Sportlerinnen und Sportlern aus dem Nachwuchs- oder Übergangskader die Gelegenheit, Erfahrungen an einem Multisportanlass von dieser Grösse zu sammeln. Daher wissen wir über das konkrete Teilnehmerfeld im Moment noch nicht viel.

Werden auch Schweizer Stars in Baku um Medaillen kämpfen?
Im Moment ist das schwierig zu sagen, wir stehen diesbezüglich im engen Austausch mit den Verbänden. Die Teilnahme kann für einige der Schweizer Topathleten aber sehr interessant sein, denn in mehreren Sportarten sind Qualifikationspunkte oder sogar direkte Quotenplätze für Rio 2016 zu gewinnen. Wir wissen zum Beispiel, dass sich Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig und Mountainbiker Nino Schurter aus diesem Grund eine Teilnahme an den Europaspielen überlegen.

Welche Ziele setzt Swiss Olympic für Baku 2015?
Zurzeit machen sich die Verbände Gedanken, wie sie die Europaspiele im Sinne ihrer Athletinnen und Athleten nützen können, und wen sie selektionieren. Erst wenn wir wissen, wer dabei ist und welche Gewichtung die Verbände diesem Anlass geben, formulieren wir auch unsererseits konkrete Ziele.

Wie laufen die Vorbereitungen seitens Swiss Olympic?
Im Vergleich zu Olympischen Spielen haben wir für die Europaspiele sehr wenig Vorlaufzeit erhalten. Erst im Dezember 2012 wurde überhaupt klar, dass die Europaspiele erstmals stattfinden und Baku als Austragungsort festgelegt. Daher sind wir im Moment ein wenig unter Zeitdruck, die Vorbereitungen abzuschliessen. Aktuell geht es etwa darum, das Medical Team zusammenzustellen und in Absprache mit den Verbänden die Selektionskriterien festzulegen. Ausserdem treffen täglich E-Mails vom Organisationskomitee ein, die wir beachten und bearbeiten müssen. Wir haben Baku aber bereits besucht, die Wettkampfstätten inspiziert und uns über Unterkünfte informiert.

Eignet sich Baku als Gastgeberstadt für Europaspiele? Aserbaidschan gilt nicht als lupenreine Demokratie.
Die Politik eines Gastgeberlandes soll sicher thematisiert werden. Allerdings gehört das nicht zum Aufgabengebiet von Swiss Olympic. Wir beschäftigen uns mit der Sicherheit für unsere Delegation und sind – wie immer bei den Auslandmissionen – im Austausch mit dem EDA und vom Botschafter in Aserbaidschan sehr gut beraten. Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass in Baku für die Athletinnen und Athleten sehr gute Bedingungen herrschen und die Sicherheit aller garantiert sein wird.
    
Welchen Eindruck hat die Gastgeberstadt beim Besuch sonst noch hinterlassen?
Die Stadt und das Organisationskomitee zelebrieren sich richtiggehend als Gastgeber, aber das dürfen sie auch. Für sie sind die Europaspiele – wie 2012 der Eurovision Song Contest – ein äusserst prestigeträchtiges Event. Die Athleten werden einen sehr gut organisierten Anlass erleben, das zeichnet sich jetzt schon ab. Bei unserer Besichtigung sahen wir, dass eine hervorragende Infrastruktur bereits vorhanden oder am Entstehen ist. Trotzdem werden die Europaspiele eine Herausforderung für uns und die ganze Schweizer Delegation.

Mehr als 6‘000 Athletinnen und Athleten aus über 50 europäischen Ländern messen sich im Juni 2015 während 17 Wettkampftagen an den 1. Europaspielen in Baku (Aserbaidschan). Mehr Informationen zu diesem Grossanlass gibt es auf http://www.swissolympicteam.ch/eg/