«Eine Olympiamedaille hat mehr Wert als alles Geld der Welt»

Zwei Jahre lang mussten die Schweizer Springreiter auf ihre Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2008 warten. Fünf Fragen an Steve Guerdat, Christina Liebherr, Niklaus Schurtenberger und Pius Schwizer.

«Beijing 2008» ist lange her. Nach fast genau zwei Jahren auf dem vierten Platz haben Sie nun doch Bronze gewonnen. Freuen Sie sich?

Christina Liebherr: Ja. Auch mit zwei Jahren Verspätung ist eine olympische Medaille etwas Spezielles. Nur wenige Sportler haben eine. Und wie wenige sind es erst, wenn man alle Schweizer anschaut?

Pius Schwizer: Auch ich freue mich sehr.

Steve Guerdat: Selbstverständlich bin ich sehr glücklich, diese Medaille nun zu erhalten. Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, weil man das Gefühl hat, die Medaille vor Gericht und weniger auf dem Platz gewonnen zu haben. Ich denke, Olympiabronze wird vor allem in unserem Palmarès gut aussehen.

Niklaus Schurtenberger: Ja, es ist eine Bestätigung unserer sportlichen Leistungen.

Gedopte Pferde: Geht die Ethik im Reitsport verloren?

Pius Schwizer: Nein, niemals.

Christina Liebherr: Es gibt Spielregeln, die man respektieren muss. Tut man dies nicht, muss man mit Sanktionen rechnen. Das ist wie im Strassenverkehr. Wenn ich die Geschwindigkeitslimite überschreite und im Radar hängenbleibe, muss ich eine Busse bezahlen.

Niklaus Schurtenberger: Ich hoffe nicht, dass die Ethik verloren geht. Der Druck auf Reiter und Pferd nimmt jedoch stetig zu!

Steve Guerdat: Man darf nicht naiv sein, überall auf der Welt gibt es Ungerechtigkeit, Lügen und Betrüger, und zwar auf allen Stufen. Leider sind auch der Reitsport und der Sport im Allgemeinen davon nicht ausgenommen.

Hat die Verspätung der Medaille auch wirtschaftliche Folgen, etwa bezüglich Sponsoringeinnahmen oder Einladungen an Turniere?

Christina Liebherr: Ja, weil die Olympiamedaille an einigen internationalen Turnieren die direkte Qualifikation für den Grand Prix bedeutet. Zudem hätten meine Sponsoren vielleicht Präsenz erhalten, indem sie mir hätten gratulieren können. Einer meiner Sponsoren hat sich sogar zurückgezogen nach Peking.

Niklaus Schurtenberger: Die Verspätung hatte Folgen. Ich war an vielen Turnieren nicht startberechtigt, weil uns die Medaille nicht zugesprochen war. Dadurch habe ich auch Sponsorenverträge verloren.

Steve Guerdat: Aus wirtschaftlicher Sicht ja, vor allem bezüglich Sponsoren und Einladungen kommt die Medaille nun zu spät. Aber das ist Nebensache, denn eine Olympiamedaille hat mehr Wert als alles Geld der Welt.

Pius Schwizer: Die Verspätung ist bestimmt mit Nachteilen verbunden. Mich persönlich betrifft es zum Glück weniger, da ich dank meiner Platzierung im «World ranking» sowieso überall teilnehmen kann.

Spornt Sie die Medaille zu einer weiteren Superleistung in «London 2012» an?

Niklaus Schurtenberger: Ja, ich hoffe in London dabei sein zu können.

Steve Guerdat: Ich brauche keine Medaille, um mich zu motivieren. Ich will sowieso nach London und dort auch wieder auf das Podium.

Pius Schwizer: Für die Olympischen Spiele 2012 bin ich sowieso motiviert. Mit oder ohne Medaille aus dem Jahr 2008.

Christina Liebherr: Auch ich bin sehr motiviert, wieder auf höchstem Niveau zu springen. Und bis 2012 werde ich sicher wieder ein Pferd haben, mit dem ich es in die Nationalmannschaft schaffen kann.

Wird die Olympiamedaille aus Peking einen Ehrenplatz erhalten?

Pius Schwizer: Ja, in meinem neuen Wohnzimmer.

Christina Liebherr: Die Medaille wird auch bei mir einen Ehrenplatz erhalten, denn sie erinnert mich an schöne Momente in Peking, obwohl ich im zweiten Umgang das Streichresultat lieferte. Zudem bin ich stolz, dass im auch so schon aussergewöhnlichen Palmarès meines Pferdes No Mercy, das jetzt im Ruhestand ist, diese Medaille noch dazukommt.

Steve Guerdat: Ich werde sie in meinem Zimmer zu meinen anderen Medaillen hängen, gut geschützt vor neugierigen Blicken. Aber es stimmt schon, diese Medaille ist speziell.

Niklaus Schurtenberger: Sicher werde auch ich dieser Medaille in unserer Wohnung einen Ehrenplatz widmen.

 

Die Olympischen Spiele in Peking 2008 hatten es für das Schweizer Team der Springreiter in sich. Zuerst verpassten sie in Hongkong, wo die olympischen Reitwettkämpfe ausgetragen wurden, als gesetzte Favoriten Edelmetall und rutschten auf den undankbaren vierten Platz ab. Dann wurde das drittplatzierte norwegische Team disqualifiziert, weil bei einem der norwegischen Pferde unerlaubte Medikamente nachgewiesen wurden. Es folgten mehrere Gerichtsverfahren. Nun – zwei Jahre nach dem Turnier – ist das Urteil rechtskräftig und offiziell: Die Schweizer Steve Guerdat, Christina Liebherr, Niklaus Schurtenberger und Pius Schwizer haben die Bronzemedaille gewonnen.