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Nicola Spirig

Nicola Spirig: «Für den Kopf ist es besser, wenn man nur an Gold denkt»

Nicola Spirig gewinnt im Londoner Hyde Park in einem äusserst knappen Wettkampf den Triathlon der Frauen. Die 30-jährige Zürcher Unterländerin setzte sich nach einem perfekten Rennen im Sprint gegen die Schwedin Lisa Norden durch. Es ist für die Schweiz die erste Goldmedaille an diesen Olympischen Spielen.

Nicola Spirig, Roger Federer sagte nach dem Finaleinzug am Freitag, er sei happy, sich und seinem Land damit eine erste Medaille gesichert zu haben. Und jetzt kommen Sie und gewinnen Gold.

Ich sah Roger vor dem Fernseher zu und freute mich – für ihn und für die Schweiz. Olympisches Gold zu gewinnen ist eine solche Ehre, das Grösste, das man in einer Sportart wie Triathlon erreichen kann. Die Dimension ist mir noch gar nicht richtig bewusst.

Es ist ja schon die zweite Triathlon-Goldmedaille für die Schweiz.

Das ist grossartig für unsere Sportart. Ich hoffe, dass es viele junge Leute inspirieren wird, dass sie sehen, was man erreichen kann.

Am Schluss kämpften vier Athletinnen um drei Medaillen. Sagten Sie sich da: Das ist jetzt mein ruhmreicher Tag?

Für mich war klar: Ich will Gold. Ich lief nicht einfach, um eine Medaille zu gewinnen. Für den Kopf ist es besser, wenn man nur an Gold denkt statt daran, ja nicht Vierte zu werden. Ich wäre mit jeder Medaille glücklich gewesen, aber natürlich ist es noch einmal ein grosser Unterschied, ob man Gold oder Silber gewinnt. Jetzt bin ich fast ein bisschen sprachlos.

Es war eine Zentimeter-Entscheidung. Auch eine Frage des Glücks?

Ich sage jetzt nein. Obwohl: Ein bisschen Glück braucht man immer im Sport. Aber ich war überzeugt von mir und meinem Sprint. Das muss man sein, wenn man eine Medaille gewinnen will. Ich habe das im Training hundertmal geübt, auch mit Männern. Nach harten Bahntrainings ist auf den letzten 400 oder 200 Metern immer noch gesprintet worden. Und ich habe Lisa (die zweitklassierte Schwedin Norden; die Redaktion) ja schon in Kitzbühel geschlagen.

Sie warfen Ihren Oberkörper auf der Ziellinie gar nicht nach vorne. Warum nicht?

Ich weiss es nicht. (Lacht.)

War für Sie sofort klar, dass Sie Erste und nicht Zweite sind?

Nein, ich glaubte es, war mir aber nicht sicher. Ich brauchte wirklich einen Offiziellen, der es mir bestätigte. Das dauerte einige Minuten. Und es waren grausam lange Minuten.

Haben Sie gewonnen, weil Sie die beste Sprinterin sind oder wegen Ihrer mentalen Stärke?

Es brauchte beides, Körper und Geist. Und ich habe auch beides trainiert.

Vielleicht ist das der schönste Tag Ihres ganzen Lebens.

Als Athletin ist der Olympiasieg sicher das Höchste, was ich erreichen kann.

War der Rennverlauf so, wie Sie es erwartet hatten?

Ja, mein Trainer Brett Sutton sagte mir, wie das Rennen laufen würde. Seine Prognosen trafen exakt ein. Ich wusste um meine Spurtstärke und vertraute auf sie. Ich sah auf dem Grossbildschirm, wie Lisa von hinten kam. Mir war klar, dass ich wirklich alles geben muss, um die Ziellinie als Erste zu überqueren.

Können Sie den Wettkampf aus Ihrer Optik rekapitulieren?

Das Schwimmen war sehr hart. Ich wollte mir nicht vorwerfen müssen, im Wasser nicht alles gegeben zu haben und darum die entscheidende Gruppe zu verpassen. Ich war froh, dass ich in der Wechselzone alle Mitfavoritinnen um mich herum sah. Auf dem Velo holten wir die erste Gruppe rasch ein. Dann schaute ich, dass ich immer vorne dabei war – auch wegen der gefährlichen Kurven – und parierte sämtliche Attacken. Das kostete zwar Energie, aber ich wollte einfach sicherstellen, dass niemand mit Vorsprung auf die Laufstrecke geht.

Bewegten Sie sich am Limit?

Ich hatte am Schluss auf dem Velo ansatzweise Krampferscheinungen und hoffte, dass es im Laufen nicht schlimmer würde. Nach der ersten Runde wurde es besser. Ich konnte die Pace mitgehen und wäre für jede Pace bereit gewesen. Egal, wie schnell, ich wäre voll auf Risiko gegangen. Ich war aber nie zu hundert Prozent am Limit – bis auf den Schlussspurt natürlich.

Sie waren letztes Jahr lange verletzt. Hatten Sie jemals Zweifel, ob Sie es rechtzeitig zurück an die Spitze schaffen würden?

Nein. Es war Anfang 2011 und ich brauchte vier Monate. Ich nutzte die Zeit, um am Schwimmen und später am Radfahren zu arbeiten. Die Verletzung hatte also auch Vorteile.

Wie haben Sie die Atmosphäre mit den Zuschauermassen im Hyde Park erlebt?

Es war grossartig, wir wurden so frenetisch angefeuert. Nur an zwei Stellen standen keine Leute am Streckenrand. Es war wie laute Musik und pfiff in den Ohren. (Text: Si/Swiss Olympic)