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Gian Gilli, Chef de Mission London 2012.

«Wir wollen Negativstress wegnehmen»

Am 27. Juli, genau ein Jahr vor den Olympischen Spielen in London, stellte Swiss Olympic die Selektionskonzepte vor. Im Interview sagt Gian Gilli, Chef de Mission, welche Kriterien sich im Vergleich zu «Peking 2008» geändert haben, warum die Selektionen auch hinderlich sein können und was Swiss Olympic bis «London 2012» noch zu tun hat.

Gian Gilli, haben sich gegenüber den Selektionskriterien von Peking 2008 wesentliche Änderungen ergeben?

Von wesentlichen Änderungen zu sprechen wäre sicher übertrieben, aber wir haben schon einige Anpassungen vorgenommen. In erster Linie erhält das Jahr vor den Olympischen Spielen, also 2011, ein grösseres Gewicht als bisher, im Gegenzug wird im Olympiajahr selbst der Selektionsdruck weniger gross. Damit wollen wir den Athleten Negativstress wegnehmen.

Was meinen Sie genau mit «Negativstress»?

Der Selektionsdruck kann die Olympiavorbereitung eines Sportlers behindern. Einen absoluten Top-Athleten betrifft das natürlich weniger, der denkt vielleicht nicht einmal an die Selektionen. Andere Athleten müssen aber teilweise den Selektionen nachrennen und können sich dadurch im Olympiajahr gar nicht mehr optimal auf die Spiele vorbereiten. Gerade für Ausdauersportler kann das sehr wichtig sein, da sie lange Aufbauzeiten im Hinblick auf einen solchen Wettkampf benötigen. Wir wollen also den Athleten im Olympiajahr diesen Negativstress wegnehmen und ihnen mehr Luft für eine fokussierte Olympiavorbereitung geben.

Neben den Top-10-Kriterien bzw. Top-16 für Schwimmen und Leichtathletik sind neu auch «Nachwuchsselektionen» möglich. Was ist das?

Wenn ein Verband ausserordentlich gute Nachwuchsathleten hat, welche über einen hervorragenden Leistungsausweis verfügen, ohne aber die Selektionskriterien zu 100 Prozent zu erfüllen, können sie diese zur Selektion vorschlagen. Damit können wir grossen Jungtalenten die Chance geben, frühzeitig Olympiaerfahrung zu sammeln. Es wird aber natürlich nicht möglich sein, dass solche Nachwuchsathleten auf Kosten von anderen Athleten, welche die «normalen» Selektionskriterien erreicht haben, selektioniert werden.

In Peking hatten die Sportler mit Hitze, Smog und Zeitverschiebung zu kämpfen. Was ist die besondere Herausforderung von «London 2012»?

London wird in dieser Hinsicht sicher einfacher. Das gibt uns auch die Möglichkeit, uns mit anderen wichtigen Themen zu beschäftigen. So haben wir für London ein «Olympia-Coach-Programm»aufgezogen. Wir wollen so die Trainer und ihr Wissen vernetzen und den Wissenstransfer unter den Sportarten fördern. Die Spitzensport-Community soll damit gestärkt werden, aber auch der Team-Gedanke im Hinblick auf die Spiele in London.

Was läuft jetzt noch bis «London 2012» bei Swiss Olympic?

Die sportliche Vorbereitung liegt natürlich bei den Verbänden, Trainern und Athleten. Unsere Aufgabe ist die ganze Organisation. Wir müssen den Athleten das bestmögliche Umfeld vor Ort bieten, damit sie ganz auf den Sport fokussieren können. In Kürze findet beispielsweise in London das «Chef de Mission Seminar» statt. Wir werden zehn Tage in London sein, Wettkampfstätten besichtigen, Unterkünfte anschauen, die Transportwege analysieren und vieles mehr, damit wir alles möglichst gut planen können.

Wird es in London aus Schweizer Sicht sportliche Überraschungen geben?

Da will ich mich jetzt nicht auf die Äste raus lassen. Aber ich hoffe natürlich schon, dass wir Athletinnen und Athleten dabei haben werden, welche mit entsprechender Frechheit über sich hinaus wachsen werden. Wir versuchen, alles so vorzubereiten, dass die Wahrscheinlichkeit für solche Exploits möglichst hoch ist.