Gian Gilli
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Gian Gilli: «Viva la Svizra!»

Mit dem Ende der Olympischen Spiele in Sotschi tritt Gian Gilli als Chef de Mission ab. Wir blicken mit ihm im Interview auf «Sochi 2014» zurück. Dabei verrät er uns neben seinem persönlichen Highlight, welche Frage ihm viel zu selten gestellt wurde.

Gian Gilli, was war Ihr Highlight hier in Sotschi?
Alle Medaillengewinne und Bestleistungen. Darum geht es ja an Olympischen Spielen am Ende. Wenn es einem Athleten gelingt, hier seine persönliche Bestleistung zu bringen, dann verdient er höchsten Respekt, selbst wenn es dafür keine Medaille gibt.

Das ist eine ziemlich allgemeine Aussage des Chef de Mission. Was war Ihr ganz persönliches Highlight?
Das war wohl der Sieg von Sandro Viletta. Ich kenne seine Familie sehr gut und verfolge Sandros Entwicklung schon seit seiner Kindheit. In den letzten Jahren musste er schwer untendurch. Deshalb war es ein besonders emotionaler Moment für mich, ihn auf dem Podest zu sehen.

Nach Vancouver und London waren das Ihre dritten und letzten Olympischen Spiele in der Missionsleitung von Swiss Olympic. Was nehmen Sie mit?
Ich habe Vieles gelernt in dieser Zeit, etwa ein Projekt zu leiten, bei dem alle Beteiligten auf einen Punkt Höchstleistungen abliefern müssen. Das ist eine besondere Herausforderung, die bei Olympischen Spielen nochmals andere Dimensionen annimmt als bei anderen Sportgrossanlässen. Es war spannend, viele Menschen an einen Ort zu bringen und die Rahmenbedingungen für Topleistungen zu schaffen. Abgesehen davon nehme ich aus meiner Zeit als Chef de Mission selbstverständlich ein riesiges Netzwerk mit – und ganz viele Emotionen.

Mit welchen Gefühlen treten Sie nun ab?
Ich spüre Genugtuung, dass alles gut gegangen ist und viele Athletinnen und Athleten ihre Träume erfüllen konnten. Und ich habe natürlich Mitgefühl für jene, die verletzt waren oder bei denen im entscheidenden Moment etwas nicht funktioniert hat.

Was hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger Ralph Stöckli?
Ich übernahm bei meinem Antritt eine bereits äusserst stabile Organisation, und ich werde meinem Nachfolger nun wiederum starke Strukturen hinterlassen. Während meiner Amtszeit konnte ich ein paar neue Ideen einbringen, zum Beispiel das «Olympic Coach Programme» oder das Projekt «Women on the podium». Beide Initiativen trugen hier in Sotschi erstmals Früchte. Einerseits waren die Trainer sehr gut auf die Ausnahmesituation Olympia vorbereitet. Ich habe eine grosse Ruhe im Coaching-Team gespürt in dieser Mission. Andererseits zeigen die vielen Medaillen und Diplome der Frauen im Vergleich zu «Vancouver 2010» eine erfreuliche Tendenz in die erwünschte Richtung. Ralph Stöckli ist der richtige Mann, um diese Arbeiten weiterzuführen und um seinerseits neue Ideen einzubringen. Diese braucht es nämlich immer wieder, wenn man nicht stehenbleiben will.

Was werden Sie in den nächsten Wochen tun?
Seit dem 10. Januar habe ich meine Familie nicht mehr gesehen. Für sie will ich mir jetzt Zeit nehmen. Auch will ich auf jeden Fall noch ein-, zweimal im Engadin Ski fahren. Und anschliessend stehen die Analysen und Auswertungen von «Sochi 2014» an.

Sie haben in Sotschi unzählige Fragen von Journalisten beantwortet. Gibt es eine Frage, die Ihnen noch nicht gestellt wurde und die Sie gerne beantworten würden?
Was immer unterschätzt wird, ist die enorme Arbeit, die im Rahmen der Organisation einer Mission anfällt. Die Leute, die diese Arbeit leisten, gehen oft vergessen. Klar muss der Athlet im Zentrum stehen, aber ohne die Personen im Hintergrund geht gar nichts. Die Frage nach diesen Leuten, nach dem, was alles dahinter steckt, wurde mir zu selten gestellt.

Dann fassen Sie doch bitte kurz zusammen: Wer und was steckte hinter der Mission «Sochi 2014»?
Das lässt sich nur schwer zusammenfassen. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht einzelne Personen erwähnen, weil es alle braucht, damit ein solches Projekt gelingt. Neben den 163 Athletinnen und Athleten gehörten rund 170 weitere Personen der Schweizer Delegation an: Teamchefs, Trainer, Physiotherapeuten, Serviceleute und so weiter. Viele beschäftigten sich bereits lange vor den Spielen intensiv mit Sotschi. Unsere erste Reko-Reise ans Schwarze Meer fand im Herbst 2010 statt.

Was ist Ihr Schlusswort?
Herzliche Gratulation an das gesamte Team, danke für den grossartigen Einsatz! Verletzte und enttäuschte Athletinnen und Athleten sollen sich bewusst sein, dass jeder Champion auch harte Zeiten hinnehmen muss und dass er dadurch stärker wird. Am meisten zeigte sich dies hier in Sotschi bei Dario Cologna: In zwei Rennen holte er Gold, und in zwei Rennen lief alles gegen ihn. Derart schmal ist der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg.

Und ganz zum Schluss?
Viva la Svizra!