Gian Gilli: «Qualität hervorragend, Quantität zu verbessern»

Das Swiss Olympic Team ist mit sechs Goldmedaillen aus Vancouver zurückgekehrt, so viele wie noch nie. Gian Gilli, Head Coach des Swiss Olympic Team, zieht im Interview ein erstes Fazit zu den Leistungen der Schweizer Athletinnen und Athleten, wirft einen Blick auf das Abschneiden von Norwegen und sagt, wo die Schweiz in vier Jahren stehen sollte.

Gian Gilli, wie beurteilen Sie das Abschneiden der Schweizer Mission?

Auf der einen Seite bin ich zufrieden, was die hervorragende Qualität der Medaillen anbetrifft. Sechs Goldmedaillen haben wir noch nie gewonnen. Es sind auch tolle Sportlerpersönlichkeiten, die gewonnen haben, mit einer guten Ausstrahlung. Die Leistung war perfekt an dem Tag, an dem sie sie abrufen mussten. Anderseits haben wir die Vorgabe von Swiss Olympic mit einem 8. Nationenrang bezüglich ungewichteter Medaillen nicht erreicht. Das müssen wir hinterfragen. Wir haben zwar sechs 4. Plätze, wir haben 27 Platzierungen in den ersten 10. Es fehlte sicher da und dort Wettkampfglück, und es kam nicht immer die optimale Leistung. Wir müssen in der Effizienz, in der Chancenauswertung, noch besser werden, damit wir die Ziele erreichen können, die uns vorgegeben sind.

Der 11. Nationenrang bezüglich Medaillentotal ist also zu wenig gut?

Das war die Vorgabe von Swiss Olympic und unser Ziel. Torino 2006 hat gezeigt, dass es für den 8. Nationenrang 14 bis 15 Medaillen braucht. Das ist sehr ambitiös. Aber das ist auch richtig so. Das sind Signale nach aussen, dass wir im internationalen Wintersport eine Rolle spielen wollen. Darauf müssen wir unsere Planung und Arbeit ausrichten.

Wir haben sechs Goldmedaillen, kein Silber, dreimal Bronze und sechs 4. Plätze. Heisst das, die Schweizer Athleten sind entweder top oder flop, oder wie kommt es zu dieser Konstellation?

Sportlich beurteilt ist dieses Abschneiden top. In jedem Weltcup würde man einen 4. Rang als sehr gut beurteilen. Fabienne Suter hat drei Ränge zwischen vier und sechs, das sind absolut gute Leistungen. Nur, an Olympia zählt das eben weniger. Wir werden an den Medaillen gemessen. Sportlich gesehen sind wir nahe dran. Das ist eine gute Basis für die Zukunft für den Aufbau in den nächsten vier Jahren.

In den neuen Sportarten sind wir immer sehr stark. Wir haben auch diesmal mit Mike Schmid wieder einen Olympiasieger in einer olympischen Premiere. Aber sobald die Sportarten ein wenig etabliert sind, schmelzen diese Erfolge, beispielsweise im Snowboard. Wie beurteilen Sie unsere Position mit neuen Sportarten?

Ich sehe es ähnlich. Wir haben immer Athleten, die bei neuen Sportarten dabei sind. Im nächsten Zyklus ist es wichtig, dass man gute Rahmenbedingungen schafft, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dort hinken wir oft hinterher, weil uns die Ressourcen fehlen, um diese Sportarten intensiv weiter zu betreiben und die Trainingsprozesse anderer Länder zu vollziehen. Weil wir nicht die gleich guten Möglichkeiten zur Verfügung stellen könnten, werden wir von einigen Ländern überholt.

Norwegen ist mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern ein kleines Land, aber mit seinen 23 Medaillen noch viel erfolgreicher als die Schweiz. Was kann man aus dem norwegischen Sport lernen?

Die Norweger haben einen unheimlichen Winner-Spirit. Das sieht man am Beispiel bei den Alpinen. Sie sind im Weltcup ein wenig hintendrein, aber kaum ist Olympia, sind sie vorne dabei. Ich denke an Aamodt, an Kjus, aber jetzt auch an Svindal. Die Amerikaner ticken ähnlich. Der Sport und die Bewegung sind in der norwegischen Gesellschaft extrem tief verwurzelt. Es ist für einen jungen Norweger ein grosser Anreiz, Spitzensportler zu werden und für sein Land zu fighten. Das ist einzigartig. Daneben, in den Nachbarländern, siehts schon anders aus. Finnland als Wintersportnation hat gerade mal fünf Medaillen, und auch Schweden ist im Moment auch nicht viel besser als wir.

Unsere Frauen haben vor vier Jahren vier Goldmedaillen gewonnen. Jetzt gabs nur einmal Bronze durch Olivia Nobs. Warum sind die Frauen weniger stark?

Im Moment muss ich sagen, ich habe keine Ahnung wieso. Ich weiss nicht, ob es Zufall ist oder weil man vielleicht den Frauensport in den letzten Jahren etwas vernachlässigt hat. Das muss jetzt mit den Verbänden analysiert werden.

Von den neun Schweizer Medaillen wurden acht von Swiss-Ski gewonnen, eine einzige, die Curling-Bronze, von einem anderen Verband. Hat Swiss-Ski viel besser gearbeitet als die anderen Verbände?

Das kann durchaus sein. Wenn man sieht, wie viele Podestplätze die Bobfahrer in der letzten Saison holten, ist das wirklich eine Enttäuschung. Die unglücklichen Umstände an der Bahn spielten sicher eine Rolle. Doch dass es keine Medaille gibt, passiert halt immer wieder. Die österreichischen Alpin-Männer mit ihrem riesigen Potenzial haben auch keine Medaille. Jetzt gingen unsere Bobfahrer nach 46 Jahren einmal leer aus. Und ich sage sogar, das tut ihnen gut. Für den Bobsport gibt das eine Frischzellenkur. Es braucht hie und da einen Crash, damit gewisse Leute anfangen, anders zu denken. Das war bei den Alpinen genau so. Die WM in Bormio 2005 war ein solcher Crash. Jetzt gewinnen die Alpinen wieder zwei Goldmedaillen. Es braucht hie und da eine Ohrfeige.

Um weiterzukommen müssen die Anstrengungen erhöht werden, sagen Sie. Wo werden wir in vier Jahren bezüglich Medaillen in Sotschi stehen?

Wir werden immer ungefähr am gleichen Ort sein. Die Konkurrenz schläft nicht. Es gibt Länder, die sehr grosse Anstrengungen unternehmen, vor allem die östlichen Länder. Die Kasachen wurden bis vor kurzem noch nicht wahrgenommen, jetzt sind sie auch Medaillenkandidaten. Wir müssen schauen, dass wir weiterhin um die 10 bis 12 Medaillen erreichen. Aber in vier Jahren fehlt uns wahrscheinlich ein Simi Ammann. Den so schnell zu ersetzen, ist nicht leicht möglich. Unser Ziel muss es sein, am 8. Nationenrang zu kratzen, uns vielleicht noch ein bisschen zu steigern. Es wäre toll, wenn wir die Vorgabe von Turin 2006 beim nächsten Mal umsetzen könnten.

Peter Frei (Si), Swiss Olympic