Werner Augsburger: «Olympia verträgt keine Experimente»

Die Olympischen Spiele in Peking gehören der Vergangenheit an. Die Schweizer Delegation hat mit sechs Medaillen (vielleicht kommt noch eine siebte der Springreiter dazu), das gesteckte Ziel von fünf Medaillen sogar leicht übertroffen. Hinter diesen Erfolgen steht ein grosses Team von Betreuern, Trainern und Funktionären. Chef de Mission Werner Augsburger schaut im Interview auf «Beijing 2008» zurück, zieht eine erste Bilanz und schaut auch bereits in Richtung «London 2012».

Werner Augsburger, Sie waren jetzt vier Wochen in Peking, haben jeden Tag sportliche Höhen und Tiefen miterlebt. Was haben Sie in den ersten Tagen nach Ihrer Heimkehr gemacht?

Ich bin in ein tiefes Loch gefallen… Spass beiseite. Ich war extrem froh, wieder zu Hause zu sein, meine Familie wieder zu sehen. Ich werde ein paar Monate brauchen, um mich wirklich zu erholen.

Die Athleten ordnen während vier Jahren alles dem einen Ziel einer Olympiamedaille unter. Innerhalb weniger Sekunden kann dieser Traum wahr werden oder sich zerschlagen. Was war der emotionalste oder überraschendste Moment, den Sie an diesen Olympischen Spielen erlebt haben?

Ich kann keinen einzelnen Moment herausnehmen. Neben den Medaillen waren es vor allem viele gute Gespräche mit Athleten, welche mich gefreut haben. Reine Überraschungen im Medaillenbereich hat es eigentlich keine gegeben. Im Diplombereich haben mich aber besonders die Leistungen jener Athleten gefreut, bei denen wir im Selektionsausschuss ein bisschen länger diskutieren mussten, bis wir ja gesagt haben. Als Beispiel möchte ich den sechsten Rang von Swann Oberson erwähnen.

Zwei Mal Gold, vier Mal Bronze und 14 Diplome: Ist das aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Bilanz oder hätten Sie nach der ersten Woche noch mehr erwartet?

Das Trainerherz in mir erwartet respektive will natürlich immer mehr. Die zweite Woche hat aber gezeigt, dass die Medaillen nicht einfach so vom Himmel fallen, sondern hart erarbeitet werden müssen. Die im Vergleich zu Athen verbesserte Bilanz ist aber sehr gut, denn der internationale Leistungssport ist zwischenzeitlich noch härter geworden.

Umgerechnet hat die Schweiz eine Medaille pro 1,25 Millionen Einwohner geholt. China, der Leader im Medaillenspiegel, «benötigte» für eine Medaille 13 Millionen Einwohner. Ist unser Sportsystem dermassen effizient? Wäre sogar noch mehr drin gelegen?

Letztlich geht es bei Olympia immer darum, das vorhandene Potenzial möglichst optimal zu nutzen. Ginge es nach der Logik, hätten wir das Potenzial für mehr als sechs Medaillen gehabt (respektive sieben mit der eventuellen Medaille der Reiter). Olympia kennt aber teilweise keine Logik. Dies mussten auch andere Nationen erfahren.

Es scheint, dass zunehmend mehr Schweizer Sportler und Sportlerinnen ihre Erfolge ausserhalb der klassischen Verbandsstrukturen vorbereiten. Sind unsere Verbandsstrukturen noch zeitgemäss?

Etliche Verbände haben in enger Zusammenarbeit mit uns sehr viel für den Erfolg in Peking getan. Knapp die Hälfte der Athleten hat in unserem anvisierten Zielbereich abgeschnitten und da steckt viel Verbandsarbeit dahinter. Nehmen wir beispielsweise die beiden Medaillen von Fabian Cancellara. Da haben etliche Verbandsleute sehr viel zum Erfolg in Peking beigetragen. Es gibt aber auch Sportarten wie Tennis, in denen ab einem gewissen Niveau der Verband nur noch eine sekundäre Rolle spielt.

Wie geht Swiss Olympic auf diese neue Art von Athleten und ihr Umfeld ein?

Wenn unsere Aufgabe, auf Olympia bezogen, lautet, die besten Rahmenbedingungen zu schaffen, dann heisst das, dass wir auf unserem Weg der Projektorganisation weiter arbeiten müssen. Wir nehmen gezielt Einfluss auf die Zusammensetzung der Teams vor Ort. Dabei können wir den Strukturen gewisser Sportarten ziemlich entgegenkommen. Cancellara oder Federer haben sich in Peking ja auch nicht beklagt, dass das «falsche Umfeld» akkreditiert worden sei.

Die Selektionskriterien für Peking 2008 waren in vielen Sportarten richtig, die Athleten haben ihre Leistung gebracht.. In einigen Sportarten haben die Athleten die Ziele aber klar verfehlt, nach denen sie selektioniert wurden. Wird es diesbezüglich Korrekturen geben im Hinblick auf London 2012?

Die Kriterien waren bei allen klar und darum geht es zuerst einmal. Inwiefern die Kriterien verantwortlich sind für den Erfolg oder Misserfolg in Peking, muss in den nächsten Monaten genau analysiert werden. Wir haben von den Verbänden eine Auswertung der Selektionskonzepte verlangt. Sobald diese vorliegt, können wir mehr dazu sagen. Jetzt beispielsweise zu sagen, dass die Leistungen der Leichtathleten auf Grund der Selektionskonzepte schlecht gewesen seien – mit Ausnahme von Viktor Röthlin –, finde ich falsch. Sicher, im Hinblick auf London 2012 wird es Änderungen geben müssen, da die Athleten noch besser lernen müssen, am Tag x ihre Bestleistung abzurufen. Darauf waren die Konzepte bereits jetzt ausgelegt und trotzdem hat knapp die Hälfte der Athleten dieses Ziel nicht erreicht.


Was geschieht denn mit den Erkenntnissen aus Peking im Hinblick auf London 2012?

Die Auswertung der Mission durch die Berichte der Teamchefs und durch die Berichte des Führungsteams nimmt noch ein paar Monate in Anspruch. Die Strategie-Diskussion mit den Verbänden im Herbst soll dazu dienen, die Schwerpunkte für den kommenden Vierjahresplan festzulegen und der Exekutivrat von Swiss Olympic wird spätestens nach Vancouver 2010 die Leistungsrichtlinien für London 2012 festlegen.

Haben Sie in den vier Wochen Peking auch einmal von den für uns exotischen chinesischen Köstlichkeiten wie Skorpion oder Maden am Spiess, Hund oder etwas Ähnliches ausprobiert? In London werden Sie sich dann ja mit «ham and eggs» verköstigen müssen.

Olympia verträgt keine Experimente. Zusammen mit dem Führungsteam habe ich einen Monat lang Tag und Nacht für unsere Sportler gearbeitet. Für kulinarische Experimente oder Sightseeing blieb da keine Zeit.