«Vancouver 2010»: Ein neuer Mann an der Spitze

Der Wechsel kam für viele überraschend, doch der neue Mann ist bereit: Erich Hanselmann amtet seit Anfang Mai als neuer Chef de Mission des Swiss Olympic Team 2010. Im Interview spricht der erfahrene Sportsmann über seinen intensiven Start ins Amt, die grösste Herausforderung auf seinem Weg nach Vancouver und er erklärt, warum er sich auch mit 67 Jahren jung fühlt.

Stichwort Olympia – was fällt Ihnen dazu als erstes ein?

Es ist das höchste Ziel jedes Athleten, an Olympischen Spielen dabei zu sein und dort Erfolg zu haben.

Wie haben Sie vor acht Wochen darüber gedacht?

Damals erholte ich mich von der spannenden Mission «Winter-Universiade 2009» in Harbin, China, und ahnte nicht, was bezüglich Olympia auf mich zukommen würde.

Warum haben Sie den Posten des Chef de Mission für Vancouver 2010 angenommen?

Auch wenn ich pensioniert bin, brennt in mir nach wie vor das Feuer für den Spitzensport. Nachdem die Anfrage von Swiss Olympic gekommen war, habe ich mir selbst viele kritische Fragen gestellt, ich habe mit meiner Frau gesprochen und eine Nacht darüber geschlafen. Dann war mir klar: Ja, ich bin bereit, die grosse Herausforderung Olympia anzunehmen und für dieses knapp einjährige Projekt alles zu geben.

Hätten Sie den Job auch angenommen, wenn Sommerspiele auf dem Programm gestanden wären?

Ich denke nicht. Am Wintersport bin ich wesentlich näher dran.

Wie haben Sie die ersten Wochen im Amt erlebt?

Der Start war sehr intensiv. Nur zehn Tage nach meinem Arbeitsbeginn fand in Magglingen der Olympia-Treff statt, wo ich zum ersten Mal vor die Athleten und Funktionäre trat. Mein Ziel war, in dieser Zeit möglichst schnell einen Gesamtüberblick zu erhalten. Ich tauchte mit Vollgas in das Projekt ein und wurde vom bestehenden Team in meine Aufgabe eingeführt. Glücklicherweise hatten mein Vorgänger Werner Augsburger und seine Leute hervorragende Arbeit geleistet und mir Dossiers in hoher Qualität hinterlassen. Das hat mir den Einstieg massiv erleichtert.

Ihr Vorgänger Werner Augsburger ist im Schweizer Sport eine bekannte Persönlichkeit. Haben Sie dies bei Ihrem Amtsantritt zu spüren bekommen und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Natürlich habe ich immer wieder gespürt, dass die Frage ‹Warum ist Werner nicht mehr da?› beschäftigt. Ich durfte aber auch wiederholt erkennen, dass diese Frage nicht primär gegen mich als Person gerichtet war, was von vielen immer wieder betont wurde.

Waren Sie schon einmal in Vancouver? Wann fliegen Sie das nächste Mal hin?

Ja, ich kenne die Gegend. Ich war schon anlässlich eines Trainersymposiums dort und habe eng mit dem kanadischen Trainerverband zusammengearbeitet. Im August werde ich voruassichtlich zusammen mit dem Leiter Media Services des Swiss Olympic Team 2010 für eine Rekognoszierung nach Vancouver fliegen.

Was ist im Hinblick auf Vancouver 2010 Ihre grösste Herausforderung?

Das Vertrauen der Athleten und Funktionäre zu gewinnen. Das kann man sich nicht kaufen oder befehlen, das muss man aufbauen. Mir ist bewusst, dass die Zeit dafür sehr knapp ist. Vertrauen braucht beide Seiten. Am Olympia-Treff konnte ich mit verschiedenen Athleten, Trainern und Disziplinenchefs sehr offene Gespräche führen, was mir als Basis sehr wichtig war. Das gegenseitige Vertrauen liegt mir sehr am Herzen und ich hoffe, durch viele weitere persönliche Kontakte ein solides Gerüst aufbauen zu können.

Was für ein Typ Chef de Mission erwartet das Swiss Olympic Team 2010?

Ich möchte ein in jeder Hinsicht starkes Team bilden und dieses zu Höchstleistungen motivieren. Die Athleten stehen dabei absolut im Zentrum. Ich werde versuchen, die Mission mit viel Übersicht zu leiten und natürlich muss ich versuchen, immer möglichst im richtigen Moment am richtigen Ort präsent zu sein. Gegenüber den Athleten möchte ich eine offene Kommunikation pflegen und für sie da sein, wenn sie mich brauchen; dies unter Beachtung der bestehenden Bezugsfelder Athlet-Trainer-Disziplinenchef.

Und mit welchen Begriffen würden Sie den Mensch hinter dem Chef de Mission umschreiben?

Achtung und Respekt habe ich besonders vor allen Athletinnen und Athleten sowie Officials, die den Weg nach Vancouver gehen. Professionalität werde ich von allen Beteiligten fordern. Motivation und Begeisterung möchte ich in mein Team hineintragen.

Welche Ziele streben Sie für die kommenden Olympischen Spiele an?

Der Erfolg steht über allem. Ich weiss, dass sich viele Athleten hohe Ziele gesetzt haben und Olympia-Medaillen anstreben. Ich erwarte von ihnen, dass sie sich voll und ganz auf diese Leistungsziele ausrichten. Bevor aber die Selektionen abgeschlossen sind und das definitive Team steht, können keine Erfolgsprognosen formuliert werden.

Windsurfen und mit dem Motorrad fahren nennen Sie als zwei Ihrer Hobbys. Sie sind bald 67 Jahre alt, fühlen sich aber offensichtlich noch jung?

Ja, es ist so: Ich fühle mich fit – dafür bin ich aber auch im Kraftraum und auf dem Mountainbike – und ich geniesse es, mit dem Wind in den Händen über das Wasser zu gleiten oder Alpenpässe zu befahren.

Zum Schluss eine Frage, welche bei vielen aufkommt, die Ihnen zum ersten Mal begegnen: Sind Ihre Haare naturgemäss so weiss?

Ja, die haben sich bei mir schon in relativ jungen Jahren in Richtung weiss verändert. Das war in meiner Familie schon bei meinem Grossvater so. Mein Coiffeur hat da in keiner Weise nachgeholfen.

Zur Person

Erich Hanselmann, Chef de Mission Swiss Olympic Team 2010
Geboren am 25. Juni 1942
Wohnhaft in Magglingen, aufgewachsen im St. Galler Rheintal (Werdenberg)
Berufliche Laufbahn: Sportlehrer; in Magglingen in verschiedenen Funktionen im Handball, Orientierungslauf (13 Jahre Nationaltrainer), Ski alpin, Snowboard und Windsurfen tätig; Ausbildungschef in Magglingen; vier Jahre tätig bei Swiss Olympic, u.a. als Chef Nachwuchsförderung
Freizeit: Windsurfen, Segeln, Fitnesstraining, Mountainbike, Reisen, Ehefrau in ihren künstlerischen Aktivitäten unterstützen, mit dem Motorrad Alpenpässe befahren