Krueger-Ensemble im Olympia-Viertelfinal

Die Schweiz darf zum Abschluss der Ära Ralph Krueger noch mindestens 24 Stunden von einem grossen Exploit träumen. Nach dem 3:2 nach Penaltyschiessen gegen Weissrussland ist der nächste Gegner am Mittwoch (21.00 Uhr MEZ) die USA.

Die Schweizer hatten zuletzt fünf Penaltyschiessen verloren, bewiesen aber im wichtigsten Shootout seit langem ganz starke Nerven. Thomas Déruns und Romano Lemm sorgten mit eiskalt verwerteten Abschlussversuchen für die 2:0-Führung und nach dem Anschlusstreffer von Dimitri Meleschko und dem Fehlversuch von Ivo Rüthemann wehrte Jonas Hiller gegen Sergei Kostizin von den Montreal Canadiens ab und sicherte so das zweite Rendez-Vous mit den USA nach dem 1:3 im Startspiel. Gegenüber den Leistungen aus den letzten beiden Spielen werden sich die Schweizer indes im 298. Spiel unter Krueger markant steigern müssen, um gegen die US-Auswahl eine Chance zu haben.

Überraschend war vor allem die Wahl von Déruns, der nicht gerade als Penaltyschütze bekannt ist. Er selber war auch überrascht: "Ich denke, Tobias Stephan (Ersatzgoalie, Red.) hat Ralph Krueger gesagt, ich solle schiessen. Damit habe ich nicht gerechnet, ich schiesse ja auch bei Genf-Servette nur selten Penalties. Aber ich habe mir den Puck auf die Backhand gelegt und dann war er drin." So glückhaft er letztlich war, so verdient war der Sieg doch: Martin Plüss: "Wir waren über weite Strecken das bessere Team."

Sannitz' Gegenstoss in Unterzahl

Nach einem von der Angst vor dem nächsten Fehler geprägten letzten Abschnitt durchlebten die Schweizer in der Overtime eine ganz schwierige Phase, als Roman Wick wegen eines Beinstellens in der Mittelzone auf die Strafbank verbannt wurde. Die beste Chance bei Drei gegen Vier hatten allerdings die "Eisgenossen", nach einem Gegenstoss zusammen mit Mark Streit entschied sich Raffaele Sannitz für den Direktschuss und scheiterte an Andrej Mesin. Und als der 35-Jährige auch noch einen guten Versuch von Mathias Seger abwehrte, war das Penaltyschiessen perfekt, obwohl die Schweizer in allen vier Abschnitten ein Plus hatten (42:22 Schüsse).

Fehlende Kaltblütigkeit

Dass es nach zwei Abschnitten 2:2 stand, schmeichelte den Weissrussen sehr. Die Schweizer dominierten den Mittelabschnitt nach Schüssen ebenso sehr wie den ersten (10:4, respektive 16:7), schlugen aber aus dem Plus kein Kapital. Andres Ambühl hatte vor Ende des Startdrittels mit einem Lattenschuss das 2:1 knapp verpasst, Thierry Paterlini schoss solo weit übers Tor (25.) und nach dem 2:1 durch den ersten Turniertreffer von Hnat Domenichelli (28.) liessen Raffaele Sannitz (30.) und vor allem Martin Plüss (35.) erstklassige Chancen zur Vorentscheidung ungenutzt. Der Center des Blocks zur verpassten Möglichkeit: "Der Puck ist mir versprungen, ich hatte schon das leere Tor gesehen und war überrascht, dass ich kein Tor machte." Die Strafe folgte auf dem Fusse: Konstantin Sacharow, der nachnominierte Sohn des Trainers, brachte in Überzahl den Gleichstand zurück (36.).

Der Druck, den er sich selbst auferlegt hatte, war offensichtlich zu gross. Von der Lockerheit, mit der er zuletzt im Weltcup aufgetreten war, war in Whistler kaum mehr etwas zu spüren, mit Kampf und Krampf gab es nichts zu holen. Nach dem ersten Lauf mochte Cuche deshalb mit niemandem reden. Die Ränge 6 (Abfahrt), 10 (Super-G) und 14 (Riesenslalom) entsprachen eben wirklich nicht dem, was sich der 35-jährige Routinier erhofft hatte.

Sandro Viletta, erst am Vortag in die Schweizer Mannschaft gerutscht, war bei Halbzeit als 14. zweitbester Schweizer, allerdings mit bereits 1,10 Sekunden Rückstand. "Zu wenig rund gefahren" sagte der Bündner zu seiner Fahrt im ersten Lauf. Eine Steigerung gelang ihm auch im zweiten Lauf nicht.

Marc Berthod konnte seine Fehlerquote noch weniger tief halten. Einem guten Start folgten im ersten Lauf gleich mehrere Patzer. Als 25. des ersten Laufes war für ihn schon bei Halbzeit nichts Zählbares mehr möglich. Im zweiten Durchgang folgte nochmals ein ganz grober Fehler.

Hillers kapitaler Fehler

Vor Spielbeginn sorgte die Besetzung des weissrussischen Goaliepostens für Verwunderung. Im Kasten stand nicht etwa Witali Kowal, der am Testspielsieg in Winnipeg massgeblichen Anteil gehabt hatte, sondern Andrej Mesin. Der ehemalige Eisbären-Berlin-Keeper hatte zwei Tage danach beim 6:2-Erfolg der Schweizer vier der ersten acht Schüsse passieren lassen.

Für Verwunderung der anderen Art sorgte dann auch Jonas Hiller. Die "Schweizer Goaliebank" wollte einen absolut harmlosen Steilpass mit dem Handschuh fassen, bekam den Puck aber nicht unter Kontrolle und musste sich so nach 59 Sekunden durch Alexei Kaljuschni bezwingen lassen.

Die Schweizer erholten sich von diesem schlimmstmöglichen aller Starts nur langsam und mussten nach fünf Minuten froh sein, durch Alexander Kulakow nicht den zweiten Minustreffer zu kassieren. Danach begann das Krueger-Ensemble mehr zu laufen und setzte die Osteuropäer zunehmend unter Druck. Verdienter Lohn war der Ausgleich durch Julien Sprunger, der im Powerplay aufs Eis stürmte, einen Pass von Roman Wick übernahm, sich selber vorlegte und aus der Luft in den Netzhimmel beförderte (13.) (si)